Einführung

Rudolf Virchow (1821-1902):
Die Geschichte zeigt, dass die Anschauungen der Späteren immer wieder auf Punkte zurückkommen, welche die frühere Beobachtung schon erledigt zu haben glaubte, und gerade in unserer Zeit, wo so wenige die Musse finden, die Wissenschaft historisch zu studieren, ist es vielleicht eher gerechtfertigt, das Ältere wieder in den Gesichtskreis der nachwachsenden Generation zu rücken.

Medizingeschichte ist eine Geschichte der Naturwissenschaft, sie ist Kulturgeschichte, aber auch Geschichte der jeweiligen Gesellschaft, in der Medizin praktiziert wird. Sie ist daher sowohl von medizinischer, humanistischer und auch von politischer Dimension. Die Medizin von heute wird oft als durch Medizinschulen und Universitäten gelehrte Naturwissenschaft des Heilens definiert (Schulmedizin); Medizin ist aber auch und vor allem Heil-Kunde, Heil-Kunst, übernatürlichen Ursprungs und gleichzeitig natürlich, und als solche eben nicht nur spezielle, angewandte Naturwissenschaft, sondern auch anspruchsvolle Ganzheitsmedizin. Dies lernen wir heute wieder neu.
Wir wollen den Versuch unternehmen, diese Geschichte aus dem Blickwinkel der “Herzmedizin”, also nicht nur der Kardiologie, sondern auch des Organs zu betrachten, geordnet nach Perioden, Biografien und “Schulen”. Der Begriff „Herzmedizin“ scheint hier besser zu passen, da die Kardiologie als Begriff eigentlich eine Schöpfung des 20. Jahrhunderts ist, und da „Herzmedizin“ den Ganzheitsbegriff besser umschreibt.

Man darf dabei nicht vergessen, dass die Morbiditäts-Hauptlasten („global disease burden“) bis in das 19. Jahrhundert hinein in Europa nicht die Herzkrankheiten, sondern Infektionskrankheiten und die zumeist kriegsbedingten Verletzungen waren.
Das Herz war bis in die Neuzeit kein nur anatomisch definiertes Organ, sondern vor allem ein magisch-mythisch besetzter Ort,

als Sitz der Seele bis heute im Volksempfinden verankert: man hat ein „warmes Herz“, ist „kaltherzig“ oder gar „herzlos“. So spiegelt die Herzmedizin auch die in der Antike theurgisch, also religiös und emotional bestimmte Medizin wieder. Das Herz als Opfergabe der Azteken war in dieser Hinsicht eine ins Grausam-Extreme gesteigerte mythische Überhöhung.  

Der Beginn einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Herzen ist zweifach belegbar sowohl mit der Publikation Harveys 1628 zum Blutkreislauf als auch (allerdings viel später) dem ersten EKG Einthovens 1903. Wir können bis in die Neuzeit zwar nicht von einer Herz –Spezialität der medizinischen Wissenschaft (explizit Kardiologie) und der medizinischen Praxis ausgehen; es handelt sich mehr um anekdotisch-empirische als systematische Verfahrensweisen, die sich dann ab dem 17. Jahrhundert langsam zu einem neuen Spezialgebiet – methodisch und wissenschaftlich – zusammen mit einer Neuorientierung des Arztbildes konsolidieren.
Wir streifen die medizinische und kardiologische Entwicklung des 19. und dann des 20.Jahrhunderts, das als großer historischer Impulsgeber für die moderne Herzmedizin gelten kann. Wir diskutieren die Gegenwart des 21. Jahrhunderts und riskieren einen Ausblick in die Zukunft, die sich wohl vom traditionellen Arztbilde der Vergangenheit und der eher patriarchalisch-autoritären Arzt-Patient-Kommunikation verabschieden wird. Die Stichworte sind demografischer Wandel, Globalisierung und künstliche Intelligenz KI.

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